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  • Afrika ohne Banalisierung und Exotisierung: Persönliche Beziehungen sind das A+O

  • BlackandWhite

    Administrator
    20. Dezember 2020 at 15:23

    Die Bedeutung des Sozialen und des Teilens, der verbreitete Glaube an Geister und Hexerei, eine überraschende Sexualmoral, der Zusammenhang von Schrift und Armut – unser Afrikakorrespondent versucht, eine Bilanz seiner jahrzehntelangen Erfahrungen auf dem Kontinent zu ziehen.

    Oft wird man als Korrespondent gefragt, warum Afrika eigentlich so arm sei. Obwohl der Kontinent ja fruchtbar und reich an Bodenschätzen ist und durchaus nicht alle Afrikaner arm sind, stimmt es, dass sich die Mehrheit der Bewohner mehr schlecht als recht durchwurstelt, die wenigsten ein geregeltes Einkommen haben und die Industrialisierung auf sich warten lässt. Die Ursachen sind historisch bedingt. Es geht um den Zentralstaat, der vor der Kolonialisierung nur punktuell und rudimentär vorhanden war. Damit verbunden sind die wenig ausgeprägte präkoloniale Urbanisierung und schliesslich das Fehlen von Schriftlichkeit. Traditionellerweise gab es in Afrika lediglich die amharische Schrift in Abessinien sowie einige in sehr begrenztem Umfang verwendete Schriften.

    Diese drei Faktoren sind miteinander verbunden: Für eine organisierte Verwaltung braucht es Schriftlichkeit, Staatlichkeit ist auf Städte und die damit verbundene Infrastruktur angewiesen – und umgekehrt. Bis heute ist das «nation-building» vielerorts noch in vollem Gang; oft werden Staat und Regierung von der Bevölkerung als Fremdkörper gesehen, mit denen man sich – auch in Demokratien – nicht identifiziert. Dasselbe gilt für die Schrift und die Schriftsprache, bei denen es sich oft um ein koloniales Erbe handelt. Die Gesellschaften sind im Alltag immer noch oral geprägt. Zeitungen und Bücher werden kaum gelesen, E-Mails nicht beantwortet. Besser greift man – selbst im administrativen und geschäftlichen Verkehr – zum Telefon oder noch besser: Man geht vorbei und begegnet sich von Angesicht zu Angesicht. Persönliche Beziehungen sind in allen Lebensbereichen das A und O. Damit einher gehen Vitamin B, Vetternwirtschaft und Korruption; die Prozesse sind weniger automatisiert und anonym als in Europa. Letztlich lässt sich über alles diskutieren.

    Die obengenannten Phänomene findet man in vielen Regionen südlich der Sahara: gewalttätige Wirren nach der ersten Euphorie der Unabhängigkeit; Koexistenz von Christentum bzw. Islam mit afrikanischen Religionen, von Hightech mit Geister- und Hexereiglauben; Relevanz von Solidarität, wirtschaftlichem Ausgleich, Egalität; Kombination von Sexualität mit materiellen Transaktionen oder, allgemeiner, Nichttrennen von Materiellem und Immateriellem; Vorrang des Oralen vor der Schrift, mit allen Konsequenzen für das Sozialleben; Bevorzugung persönlicher Beziehungen gegenüber automatisierten Abläufen; gruppenorientierte Sozialisation; Nachwirkungen von Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus mitsamt dem zweischneidigen Einfluss von Islamisierung, Missionierung und Entwicklungshilfe; Übergewicht der Clans und Ethnien gegenüber dem Staat.

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